Erfolgsaussichten

Wann ist ein Gespann „erfolgreich”?
Die Frage der Zufriedenheit und dem positiven Ergebnis beantwortet sicher jeder Mensch anders.

Als ich vor mehr als 20 Jahren den Beruf ergriffen habe, war es noch nicht generell üblich, daß am Ende eines Einarbeitslehrgangs bei einer Gespannprüfung ein Aufgabenkatalog erfolgreich abgearbeitet werden mußte. Ich erinnere mich gern an die Zusammenarbeit mit einem sehr humorvollen, späterblindeten, etwas älteren Herrn, der sich nichts sehnlicher wünschte, als nach dem Tod seines Dackels wieder mit einem Hund in den Park und an den Rheinwiesen spazierenzugehen. Er wollte dort die anderen Hundebesitzer zu einem Plausch wiedertreffen, während die Hunde miteinander spielten. Der Führhundhalter hatte nie ein O&M-Training absolviert. Die Strecken, die wir einübten, waren gar nicht so schwierig für den Hund. Aber der Führhundhalter, der seine Umwelt nur noch aus sehenden Zeiten in Erinnerung hatte, verzweifelte so manches mal. Da war z.B. auf einmal mitten auf dem Gehweg eine Fensterscheibe! – Was mochte das nur sein? Er grübelte und rätselte und kam nicht drauf, daß der Hund ihn vor einer Bushaltestelle mit gläsernem Unterstand zum Stehen brachte, weil die verbleibende Gehwegbreite zu schmal war, um einfach daran vorbei zu laufen. Wir brauchten eine kleine Ewigkeit, bis alle gewünschten Wege erarbeitet waren. Aber danach war der Führhundhalter sehr glücklich, denn seine Wünsche waren erfüllt und er konnte ohne Hilfe seiner Frau alleine aus dem Haus und Freunde und Bekannten treffen.

Es war ein relativ langer Einarbeitslehrgang mit gut lösbaren Aufgaben für den Hund – dennoch war ich als Trainerin gefordert, mir für diese spezielle Aufgabe die passende Trainingsstrategie zu überlegen. Schließlich sollte der Hund, der oft und lange mitten auf der Wegstrecke warten mußte, bis wir alle Fragen geklärt hatten und „Herrchen” wieder wußte, wo wir gerade waren, nicht die Arbeitsfreude verlieren oder gar aus Langeweile auf dumme Gedanken kommen.

Am Ende hat alles gut geklappt und dieser Führhund hat die Erwartungen des Führhundhalters erfüllt. Der Führhundhalter hat sich im Rahmen seiner Möglichkeiten genauso angestrengt, wie ein langjährig erfahrener Langstockläufer, der nun seinen täglichen Berufsalltag mit Hilfe eines Führhundes etwas leichter bewältigen möchte.
Ich weiß jedoch nicht, ob die Leistungen des Gespannes den Erwartungen eines heutigen Gespannprüfers gerecht geworden wären.

Vermutlich hätte dieser Führhundhalter nach aktuellem Standard gar keinen Führhund bekommen: wegen der fehlenden Grundmobilität und auch der fehlenden Bereitschaft, sich durch schwierige Verkehrssituationen während des Berufsverkehrs inmitten einer Großstadt zu irgendeinem fiktiven Ziel zu bewegen. In heutigen Einarbeitslehrgängen wird häufig wertvolle Trainingszeit damit verbracht, Dinge für die Prüfung zu üben, die der Führhundhalter gar nicht in seinem Alltag benötigt. Das war damals noch anders. Inzwischen ist der Herr verstorben und braucht keinen neuen Führhund. So muß er sich dieser schwierigen Herausforderung nicht stellen. Er hatte damals selbst bestimmt, wann er Selbständigkeit wünschte, und wann nicht.

Was erwartet den zukünftigen Führhundhalter?
Welche Möglichkeiten und Grenzen gibt es?

Der Blindenführhund ist ein ganz besonderes Hilfsmittel: Kein Führhund ist wie ein anderer, sogar derselbe Hund reagiert und arbeitet unterschiedlich bei verschiedenen Personen und Situationen. Im Vergleich zu anderen Hilfsmitteln ist er ausgesprochen anspruchsvoll in der „Wartung” und seine Zuverlässigkeit ist stark von der richtigen Handhabung abhängig (das mag er mit anderen Hilfsmitteln gemeinsam haben) und Schwankungen unterworfen. Selbst die Stimmung des Blindenführhundhalters kann sich auf die Leistung des Hundes positiv oder negativ auswirken. Zudem hat er ein Eigenleben, bei dem er seine arteigenen Interessen verfolgt. Je mehr der Halter die hundlichen Spielregeln ignoriert oder verletzt, um so weniger wird der Hund seine ihm zugedachte Aufgabe richtig erfüllen. Da nutzt die ganze Führhundausbildung nichts: er ist und bleibt ein Hund! Durch den Titel „Blindenführhund” ändert sich nichts, außer den Fähigkeiten, die er in Verbindung mit dem Führgeschirr erlernt hat.

Auf der anderen Seite ist auch der Blindenführhundhalter ein ganz normaler Hundehalter und begeht dieselben Fehler und Irrtümer, wie andere Hundebesitzer auch, jedoch mit dem Nachteil, nicht zu sehen, was der vierbeinige Freund da gerade treibt. Auch auf den unter Hunden wichtigen Augenkontakt müssen sehbehinderte Hundehalter meistens verzichten. Was man als Mensch im Umgang mit dem Hund alles falsch machen kann und welche Resultate dabei möglich sind, läßt sich ein wenig an der wachsenden Zahl der Hundebücher, Hundeschulen und Erziehungshilfsmittel messen. Ich habe oft den Eindruck, daß die Menschen bereit sind, Zeit und Geld zu investieren, damit der Hund nach ihren Wünschen „funktioniert”, aber nur wenig an sich selbst, ihren Ansichten oder ihrer Beziehung zum Hund ändern wollen. Und ebenso wie unter sehenden Hundehaltern gibt es auch bei Führhundhaltern solche, die erfolgreicher sind mit ihrem Hund, als andere.

Diese Gedanken vorab sollen nicht abschrecken, sondern nur darauf hinweisen, daß man sich mit der Entscheidung für einen Blindenführhund eine umfangreiche Aufgabe „ans Bein bindet”, die besonders am Anfang der Mensch-Hund-Beziehung eine Menge zu lernen, umzudenken und Aktivitäten vom Blindenführhundhalter selbst verlangt. Dazu kommt, daß Schwierigkeiten nicht umgangen werden dürfen, sondern erst recht angegangen und gelöst werden müssen. Dieser Aufwand an Zeit und Nerven ist nicht zu unterschätzen und er nimmt nur ab, wenn an der erfolgreichen Zusammenarbeit konsequent gearbeitet wird. Das kann leider nicht durch Diskussionen mit dem Hund erreicht werden. Bestechungen mit Leckerchen oder Streicheleinheiten helfen da auch nur kurzzeitig. Ein lauter, barscher Umgangston ist jedoch ebenfalls der falsche Weg. Wenn ein Hund nicht hört, hat das nur selten mit einem akustischen Problem zu tun.

Zum Glück ist der Führhund bei der Übergabe ein fertig ausgebildeter und disziplinierter Hund und bei der intensiven Zusammenarbeit mit dem Trainer während des Einarbeitslehrgangs sollten außer den verschiedenen Hörzeichen noch die oben erwähnten „hundlichen Spielregeln” vermittelt werden. Hat man diese verstanden und kann sie auch umsetzen, ist die größte Hürde genommen.

Als Beispiel ein Vergleich: Hunde untereinander schaffen es meistens, ihre Beziehung in den ersten Minuten ihrer ersten Begegnung zu klären. Menschen dagegen beobachten, testen, wägen ab, verhandeln und diskutieren über einen wesentlich längeren Zeitraum, in dem sie sich oft zurückhaltend zeigen. Einem Hund fehlt das Verständnis, warum der Mensch so auftritt. Ihm signalisiert dieses Verhalten nur: hier ist jemand sehr freundlich, scheint mir aber gleichwertig oder unterlegen zu sein! Das erste Mißverständnis ist da ...

Aber wenn die Kommunikation zwischen Hund und Halter erst einmal richtig hergestellt ist, bietet das Hilfsmittel Blindenführhund viele Vorteile:

  • Der Hund ist in der Lage, auch auf ihm unbekannten Strecken den optimalen Weg zu einem bekannten Ziel (dieses können auch Orientierungsziele, wie Treppen, Ampeln, Bänke usw. sein) zu finden.
  • Die Führung des Hundes erlaubt ein flüssiges, relativ gleichmäßiges Laufen, auch auf mit Hindernissen versperrten Wegen.
  • Das Überqueren von großen, weiten Plätzen oder Erreichen von Zielen auf solchen Flächen ist mit Hilfe des Hundes leichter zu bewältigen.
  • Bei einem gut zusammenarbeitenden Gespann führt der Hund zuverlässiger und aufmerksamer, als dieses menschliche Führer manchmal tun.
  • Der Führhund steht normaler Weise immer freudig zur Verfügung, menschliche Unterstützung oft nur zeitlich begrenzt und aus Pflichtgefühl oder Hilfsbereitschaft.

Dazu kommen die positiven Nebenerscheinungen, wie regelmäßige Bewegung im Freien und viele neue Kontakte zu anderen Menschen. Durch den Hund überwinden viele Sehende ihre Hemmungen, einen nicht-sehenden Menschen anzusprechen, da ja ein neutraler und überaus interessanter Gesprächsstoff (der Hund!) gegeben ist. Allerdings gibt es auch Zeitgenossen, die wenig Gefallen an Hunden allgemein haben, und dieses auch den Blindenführhundhalter spüren lassen. Zum Glück ist das die Minderheit.

Ein Blindenführhund vermag nicht, eine generelle Orientierungslosigkeit im Straßenverkehr auszugleichen. Wer nicht weiß, wo er sich befindet und welche Richtung er einschlagen muß, wird mit dem Hund größere Schwierigkeiten bekommen, als vorher.

Der Führhund wird auch kaum oder nur unzuverlässig für einen Menschen arbeiten, der ihn nur benutzt, die Pflichten rund um den Hund, wie Spaziergänge mit Freilauf und Spiel, Fütterung, Fellpflege und Tierarztbesuche aber anderen überläßt.