Umzug in das neue Zuhause

Irgendwann kommt der Tag, da wird es Zeit, daß der Ausbildungshund die Führhundschule verläßt und in die weite Welt hinaus zieht. So ein Wechsel in eine neue Umgebung mit neuen Mitbewohnern und einem anderen Tagesablauf ist eine belastende Situation. Dazu kommen der Verlust der alten Bezugsperson und der Hundefreunde. Manch ein Theoretiker wünscht sich sogar, daß der Hund trotz allem zu jeder Zeit seine gelernten Fähigkeiten in Bestform zeigt.

Dem Hund kann man das alles nicht erklären. Und so wird er aus seinem Nest geschubst, und im Idealfall von seiner neuen Familie aufgefangen und in den noch unbekannten Alltag eingewöhnt. Je besser die neue Bezugsperson den Hund dabei unterstützt, um so schneller ist das Heimweh überwunden und die alte Leistungsstärke wieder abrufbereit.

Führhundstationen

Ein zukünftiger Blindenführhund wechselt in seinem Leben häufiger seine Bezugsperson und seine Umgebung. Als Welpe verläßt er den Züchter und seine Mutter und Geschwister. Dann verlebt er sein erstes Lebensjahr manchmal direkt bei seinem zukünftigen Blindenführhundtrainer, manchmal aber auch erst in einer anderen Familie. Im Alter von einem Jahr wird er auf seine Eignung als Führhund getestet und tritt idealer Weise dann seine Ausbildung in der Führhundschule an. Für einige Hunde endet die Karriere aber bereits an dieser Stelle. Sie werden dann als Familienhund abgegeben. Die geeigneten Hunde wechseln spätestens jetzt vollständig in die Obhut ihres Ausbilders. Nach einigen Monaten Ausbildungszeit beendet dann der Einarbeitslehrgang mit dem Führhundhalter diesen bewegten Lebensabschnitt und im Idealfall hat der Hund dann endlich seine Familie gefunden, wo er bis zu seinem Lebensende bleiben darf.

Der Einarbeitslehrgang als doppelte Belastung

Verläßt ein Blindenführhund die Schule, um seinen Dienst bei seinem neuen Führhundhalter anzutreten, lernt der Hund über einen Zeitraum von mehreren aufeinanderfolgenden Trainingstagen seinen zukünftigen Menschen in der vertrauten Umgebung am Ort der Schule kennen. Nach dem gemeinsamen Training darf er die anschließende Ruhephase im Kreise seines Hunderudels verbringen und steht dann beim nächsten Treffen ausgeruht und in freudiger Erwartung bereit.

Mit dem Wechsel an den Wohnort des Führhundhalters verändert sich die Situation sehr. Es gibt für den Hund eine neue Umgebung zu erkunden, fremde Personen und vielleicht sogar andere Tiere kennen zu lernen. Dabei sehen die meisten Hunde äußerlich sehr fröhlich aus. Aber die Fülle der vielen neuen Sinnesreize muß auch verarbeitet werden. Das strengt jeden Hund sehr an. Es hängt auch von den örtlichen Gegebenheiten und dem Feingefühl der neuen Familie ab, wie schnell ein Hund sich einlebt und zu seiner alten Ausgeglichenheit zurückfindet. Die Umgewöhnungszeit ist eine sensible Phase und Verhaltensänderungen sind in dieser Zeit nicht ungewöhnlich. Manche Hunde trauern, andere bauen ihren Streß ab, indem sie Spielzeug zerstören oder übermäßige Körperpflege betreiben (vergleichbar mit Menschen, die an den Fingernägeln kauen). Einige Hunde wirken ungewöhnlich ruhig oder im Gegenteil über-aktiv. Geduld und das richtige Zusammenspiel von artgerechtem Spiel, angemessenem Training und Einhalten von Ruhezeiten sind nun die richtigen Mittel, um den Hund durch diese Zeit zu begleiten, so daß sich schnell wieder ein Normalverhalten einstellt. Im Einarbeitslehrgang wird das Training behutsam gesteuert und die Anforderungen an die Führarbeit werden von leichten Wegstrecken zu schwierigen Umweltsituationen schrittweise gesteigert, soweit das möglich ist. Leider gibt es mit den Rahmenbedingungen der Kostenträger einen Zeit- und Erfolgsdruck, so daß die Trainingsgestaltung manchmal eine Gratwanderung ist zwischen den unterschiedlichen Bedürfnissen vom Hund, vom Führhundhalter, von dessen Angehörigen und von der Krankenkasse oder deren beauftragten Gespannprüfern.

Doping mit guten Erinnerungen

Auch, wenn man es einem Hund nicht immer von außen ansieht: Die Eingewöhnungsphase in ein neues Zuhause dauert mehrere Tage bis sogar Wochen. Auf keinen Fall sollte man davon ausgehen, daß diese Angelegenheit in wenigen Stunden abgehakt ist. Zur Unterstützung meiner Hunde setze ich seit 2008 bei der Übergabe an den neuen Besitzer Pheromon-Halsbänder ein. Pheromone sind Duftstoffe, die vom Absender Informationen an einen bestimmten Empfänger mitteilen. Die Hunde werden in ihrem Wesen nicht verändert und man weiß nicht, wie derselbe Hund eine Situation ohne diese Unterstützungsmaßnahme wahrgenommen hätte. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, daß die in Studien erforschte Wirkungsweise auch einem Blindenführhund das Leben in einer aufregenden Zeit etwas erleichtert. Dies ist ein weiterer kleiner Baustein neben dem behutsamen Training, mit dem Ziel, daß mein Hund sein neues Zuhause und die Bezugsperson großartig findet.

Die eingesetzten Halsbänder sind im Aufbau ähnlich, wie so genannte Flohhalsbänder gegen Parasiten. Die Pheromone sind den Duftstoffen einer Mutterhündin nachempfunden. Mit diesem Geruch teilt sie beim Säugen ihren Welpen mit, daß alles in Ordnung ist. Die Welpen fühlen sich sicher und geborgen. Dieses Erlebnis in der Kinderzeit ist fest im Erfahrungsschatz der Hunde verankert. Auch bei einem erwachsenen Hund unterstützt das Pheromon die Fähigkeit, sich zu entspannen und Streß leichter abzubauen, indem sich der Hund an diese sehr frühen und guten Lebenserfahrungen erinnert. Menschen nehmen den Geruch nicht wahr. Das Halsband wirkt etwa vier bis fünf Wochen.