Vom Führen

„Führhund”, „Führhundhalter”, „Führhundgespann”, aber auch „Hundeführer”: Diese Sache mit dem „Führen” bedarf einer genaueren Betrachtung! Wer führt wen, wann, wie und warum überhaupt?

Die Rubrik „Zettelkasten” ist der jüngste Teil dieser Website. Los geht es mit dem Kennzeichen für Blindenführhundgespanne:

Das Führgeschirr

Auch ein Blindenführhund ist ein ganz normaler Hund. Er hat die gleichen Bedürfnisse und angeborenen Verhaltensweisen wie jeder andere Hund auch. Erst seine spezielle Ausbildung mit dem Führgeschirr macht ihn zum Blindenführhund.

Das Führgeschirr übernimmt mehrere Funktionen:

Das Kommunikationsinstrument

Es ist das Kontaktelement zwischen Blindenführhund und Führhundhalter. Die Verbindung über den Führbügel ist viel direkter, als über eine lose Hundeleine am Halsband. Im Hundesport und im professionellen Diensthundewesen (z.B. bei der Polizei oder beim Zoll) „führt” der Mensch den Hund (daher kommt auch der Begriff „Hundeführer”) und kontrolliert ihn über die Leine. Bei der Führarbeit ist es jedoch umgekehrt: der Hund führt seinen Menschen und dieser folgt ihm. Über das Geschirr erfährt der Führhundhalter, in welcher Geschwindigkeit und Richtung der Weg fortgesetzt werden kann, um ein Ziel zu erreichen. Versperrt ein Hindernis die Strecke oder gibt es eine Gefahrensituation, die besondere Aufmerksamkeit des Führhundhalters verlangt, so bleibt der Hund stehen, damit sein Mensch die Sachlage überprüfen und erkennen kann.

Der Informationsfluß sollte über das Geschirr „eigentlich” nur in eine Richtung laufen: vom Hund an seinen Menschen. Für die Gegenrichtung (wenn der Mensch sich dem Hund mitteilen möchte) gibt es „eigentlich” die Hörzeichen. Das sind die Kommandos, die Worte, mit denen ein Mensch seinem Hund sagt, wohin man als nächstes möchte oder was der Hund sonst tun soll. Aber auch Lob und Tadel werden dem Hund als Rückmeldung verbal mitgeteilt. Das ist wichtig, damit er weiß, ob das was er tut so in Ordnung ist.

In der Praxis sieht die Sache jedoch manchmal anders aus: Viele Gemütszustände, die ein Mensch vielleicht selbst gar nicht bemerkt, teilt er seinem Hund über das Geschirr mit und beeinflußt damit das Ergebnis der Führarbeit. Mal ist es die Angst (gerade in den ersten Trainingstagen mit dem neuen Hund), oft auch Ungeduld oder Zeitdruck, häufig auch die alte Gewohnheit, Unkonzentriertheit oder fehlendes Vertrauen, die dazu führen, daß über das Geschirr Störsignale in Richtung des Hundes geschickt werden. Dann wird einfach losgelaufen, obwohl der Hund noch steht, oder der Mensch läuft nicht abgestimmt mit seinen Hund mit. Manchmal entwickelt der linke Arm auch ein Eigenleben und es wird am Bügel geschoben oder gezogen oder gewackelt. All das sind jedoch Fehler des Führhundhalters!

Ein Blick über den Tellerrand: Führung im Hundesport

Im Hundesport (bei der Prüfung zum verkehrssicheren Begleithund, als Teil der Vielseitigkeitsprüfung oder im Obedience) gibt es Punktabzug, wenn der Hundeführer über die Hundeleine in das Arbeiten des Hundes eingreift. Die Prüfungsordnung sagt ganz klar: „Die Leine muß locker durchhängen!” Bei einer anderen Sportart - dem Agility - muß der Hundeführer seinen frei laufenden Hund durch den Parcours leiten. Dann ist neben den Hörzeichen auch der Gebrauch der Körpersprache erlaubt. Je geschickter der Hundeführer dabei seine Körpersprache einsetzt, um so deutlicher versteht ihn der Hund. Das Verstehen von Körpersprache fällt Hunden leicht, denn untereinander kommunizieren sie auch so. Doch während beim Agility der Mensch seine Körpersprache synchron zu seinen Hörzeichen bewußt einsetzt, um den Hund in die gewünschte Richtung zu schicken, benutzen die Halter von Familienhunden und Führhundhalter ihre Körpersprache hier und da unbewußt und mit völlig gegensätzlichen Wünschen, als sie mit der Stimme zum Ausdruck bringen.

Der Arbeitskittel

Einige Führhundhalter berichten, daß ihre Hunde sie auch an der Leine führen. Das ist bestimmt sehr praktisch. Aber man sollte doch nicht vergessen, daß der Blindenführhund auch mal Feierabend hat, und sich dann ganz sicher sein darf: „Jetzt bin ich Hund, jetzt darf ichs sein!”¹. Je deutlicher unterschieden wird, zwischen Dienst und Freizeit, um so mehr darf der Führhundhalter erwarten, daß sich sein Hund bei der Führarbeit „ordnungsgemäß” verhält und viele der Verhaltensweisen unterläßt, die er mit oder ohne Leine zeigen würde. Wenn er „eigentlich” an der Leine ein Familienhund ist, und an Bäumen und Häuserecken schnüffeln darf … Wie soll der Hund dann wissen, daß er manchmal auch an der Leine ein Blindenführhund sein soll und dann das Schnuppern verboten ist? Von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis dem Gespann auch im Führgeschirr die Grenzen verwischen, und der Hund seinen hundlichen Interessen nachgeht. Für die Freizeit gibt es die normalen Hörzeichen, wie sie auch für die meisten Familienhunde gelten.

Aber auch für Außenstehende ist es nicht immer einfach zu erkennen, wann ein Blindenführhund im Dienst ist und wann nicht. Schon alleine die Frage: „Darf ich den Hund streicheln?” wäre für alle Beteiligten deutlicher geklärt, wenn sich herumsprechen würde, daß das Tragen des weißen Führgeschirrs das Signal ist, wann der Hund nicht gestört oder abgelenkt werden darf!

Das offizielle Verkehrszeichen

Das weiße Führgeschirr, von einem Blindenführhundgespann getragen, gilt als offizielles Verkehrszeichen. Dies ist in der „Deutschen Fahrerlaubnis-Verordnung” geregelt. (Der Link zum Originaltext öffnet ein neues Fenster)

Dieses „offizielle Verkehrszeichen” - der Führhundhalter mit seinem Hund im weißen Führgeschirr - ist in vielen Fällen mit einer Ausnahmegenehmigung verbunden. So gekennzeichnet dürfen Blindenführhundgespanne z.B. auch Lebensmittelgeschäfte und Krankenhäuser betreten.

Ein Führgeschirr ist also viel mehr, als einfach nur eine „stabile Hundeleine” für Führhundhalter.

Der Aufbau des Geschirrs

Das Geschirr ist in den meisten Fällen wie ein so genanntes „Norweger-Geschirr” angefertigt. Es besteht aus einer Art „Gürtel”, einem seitlich zu öffnenden Gurtring, welcher kurz hinter den Vorderbeinen über den Hunderücken und unterhalb der Rippen geführt ist. Damit dieser Gurtring beim Laufen nicht nach hinten rutscht, gibt es einen weiteren Gurt, der von der linken Hundeschulter unterhalb des Halses vorn über die Vorbrust des Hundes auf seine rechte Schulter entlang läuft. Meistens ist dieser Gurt mit Reflektoren besetzt, so daß Licht, z.B. von Autoscheinwerfern, zurückgespiegelt wird. Damit dieser Brustgurt nicht nach unten rutscht, gibt es noch auf jeder Seite einen kurzen, schmalen, schräg angesetzten Hilfsgurt, welcher vom Rückengurt nach vorn zum Brustgurt geführt ist. So sieht ein typisches Norweger-Geschirr aus. Damit daraus ein offizielles Führgeschirr für Blindenführhunde wird, muß dieses Geschirr weiß sein und um den Führbügel ergänzt werden. Auf den schrägen Hilfsgurten aufgesetzt befindet sich bei den von mir verwendeten Geschirren je rechts-und linksseitig eine Steckverbindung, in der der Bügel aufgenommen wird. Damit der Führbügel nicht nach vorne über den Hundekopf klappen kann, wenn der Hund mal steil bergab geht (z.B. auf abwärts führenden Treppen), sind am Rückengurt Schlaufen befestigt, durch die der Bügel hindurchgeführt wird, bevor er in den Steckverbindungen fixiert wird. So ist der mehr oder weniger starre Führbügel über das Geschirr etwa neben den Schulterblättern des Hundes plaziert. Manchmal kann das Geschirr mit einem auf dem Hunderücken liegenden „Sattel” ergänzt werden. Dieser besteht meistens aus Kunstleder in einer Signalfarbe wie Orange, oder auf Wunsch dem Blau, wie es auch bei den Piktogrammen für Langstockläufer verwendet wird. Auf dem Sattel ist ein großes Logo mit dem Schriftzug „Blindenführhund” angebracht. Während des Trainings benutzen wir einen Sattel, auf dem auf jeder Seite noch zusätzlich das Wort „Anfänger” auf jeder Seite geschrieben ist. Damit fällt es vielen Passanten leichter, das manchmal noch ungewöhnliche Verhalten unserer kleinen Gruppe bestehend aus Trainer, Führhundhalter und Führhund zu verstehen, z.B. wenn wir auf einmal stehenbleiben, um etwas zu besprechen oder plötzlich umdrehen und eine Situation wiederholen. Wir werden damit deutlich seltener von anderen Leuten im Training unterbrochen, weil sie Fragen haben.

Die Handhabung des Geschirrs

Um das Führgeschirr richtig zu benutzen, gibt es einige Details zu beachten:

Das Anschirren des Hundes

In den ersten Tagen ist es für Erstführhundhalter oft noch etwas schwierig, zwischen den vielen Gurten die richtige Lücke zu finden, um das Geschirr zunächst über den Hundekopf zu ziehen und dann richtig auf dem Hunderücken zu plazieren. Ein Sattel, der am Rückengurt befestigt ist, hilft beim Erkennen: Dieser Teil des Geschirrs wird über den Kopf geführt und auf den Rücken gelegt. Einen weiteren Hinweis geben die Reflektoren, um den Brustgurt von den anderen Gurten zu unterscheiden: Dieser Teil des Geschirrs muß unter dem Kopf des Hundes entlang geführt werden. Der Rückengurt und der Brustgurt zusammen werden wie ein Hundehalsband einfach über den Kopf gezogen. Dann bleibt nur noch der lange Bauchgurt, der zunächst lose herunterbaumelt. Wenn der Hund vor dem Anschirren bereits angeleint war (also die Leine am Hundehalsband befestigt ist), dann empfiehlt es sich, die Leine unter dem Geschirr hervorzuziehen, bevor der Bauchgurt verschlossen wird. Das geht am leichtesten, wenn man die Leine in Halsbandnähe greift, und dann nach vorne / oben nachfaßt bis das Leinenende erreicht ist. Ist das erledigt, wird das Geschirr etwas nach hinten gezogen, so daß der Brustgurt in engem Kontakt am Hund anliegt, und der Bauchgurt wird mit dem Steckverschluß geschlossen.

Das Halten des Bügels

Eine Hundeleine wird meistens fest in einer geschlossenen Hand gehalten. Anders ist es mit dem Führbügel. Dieser ist kein „Geländer”, kein „Haltegriff”, keine „Anhängerkupplung”! Im Idealfall sind die Muskeln der Schulter und des linken Arms beim Führhundhalter nicht angespannt. Seine Finger (ohne den Daumen) sind leicht gekrümmt und darauf ruht die Mitte des Führbügels. Es besteht nur ein leichter Kontakt. Weder wird seitens des Führhundhalters am Bügel herumgerissen, noch geschubst. Über den leichten Berührungskontakt und dem Zug auf den Fingerspitzen bemerkt der aufmerksame Führhundhalter die Hinweise seines Hundes: jeder Richtungswechsel, Veränderungen in der Geschwindigkeit und ein Anhalten des Hundes wird deutlich spürbar. Ja, der ganze linke Arm kann zum Empfänger dieser Signale werden! Mit diesen Informationen kann der Führhundhalter sein eigenes Laufen an die Führung des Hundes und damit an die Verkehrssituation anpassen.

Hält man dagegen den Bügel fest wie einen Griff oder eine Türklinke, so werden viel mehr Mitteilungen vom Menschen zum Hund gesendet, statt umgekehrt. Auch das „Lesen” der Zeichen des Hundes wird mit angespannter Faust viel schwieriger. Abgesehen davon ist es auch anstrengend, ständig die Muskeln in der linken Schulter, im Arm und in den Fingern anzuspannen. In den ersten Trainingstagen jedoch führt die „innere Anspannung” des Menschen dazu (begründet durch die Konzentration, manchmal auch Zweifel, die vielen neuen Informationen und die neuen Handgriffe und Abläufe), daß häufig die Arme versteift und angespannt werden. Das ist übrigens bei sehenden Hundebesitzern in einem Kurs für Familienhunde genau so! Als Trainerin der Patenfamilien muß ich daher anfangs häufig sagen: „Den linken Arm locker lassen!”

Vom Folgen

Das Thema wäre nicht komplett, wenn abschließend nicht auch ein paar Worte über „das Folgen” gewechselt würden:

„Eigentlich” funktioniert ein Mensch-Hund-Gespann so ähnlich, wie ein menschliches Tanzpaar:

  1. Beide Partner erkennen ihre bevorstehende Aufgabe in der aktuellen Situation
    („Wissen, welcher Tanz zur aktuellen Musik getanzt wird und wie die Schrittfolge ist”);
  2. Beide Partner freuen sich auf diese Aufgabe und sind deshalb motiviert und konzentriert;
  3. Ein Partner übernimmt die Führung, der andere läßt sich führen.

Das gilt nicht nur beim „dogdance” („Tanzen - harmonisches Zusammen-Bewegen - eines Menschen mit einem Hund zur Musik”), sondern eben auch bei den anderen Aktivitäten von Hund und Halter.

Schade, daß ein Hund sich so schlecht mitteilen kann, warum ihm manchmal etwas schwer fällt. Da trifft es sich gut, daß menschliche Tanzpaare ganz ähnliche Probleme haben, wie Führhundgespanne.

Bei den Tanzpaaren sind die Rollen „wer führt” (der Mann) und „wer folgt” (die Frau) fest vergeben. Ich kann jedoch versichern: Bei den Führhundgespannen spielt das Geschlecht keine Rolle – da schneiden gerade in der Anfängerzeit beide Variationen gleich ab.

Bei den Recherchen zu diesem Thema im Jahr 2005 habe ich in einem Forum für begeisterte Tänzer eine Diskussion zum Thema „Führen und Folgen” gefunden. Leider habe ich es versäumt, mir die ursprünglichen URL-Adresse zu speichern, um nun bequem dorthin zu verlinken. Aber ich habe die Inhalte des Threads gespeichert. Um den Rahmen dieser Seite über „das Führen” nicht zu sprengen, lege ich daher eine gesonderte Seite über „das Folgen” an Ein Klick auf diesen Link führt zur Seite „Vom Folgen”..

Zusammenfassung

Das Führgeschirr ist:

  • Die Verbindung zwischen Hund und Halter
  • Der Sender für die Signale des Blindenführhundes
  • Der Empfänger für den Führhundhalter
  • Das Unterscheidungsmerkmal, mit dem zwischen Dienst und Freizeit getrennt wird
  • Die Antwort auf die Frage, wer gerade die Führung übernimmt: Mensch oder Hund
  • Ein offizielles Verkehrszeichen
  • Bestandteil einiger Ausnahmegenehmigungen

Es wird zusätzlich zu Halsband und Leine getragen. Über die Leine kontrolliert und beeinflußt der Mensch seinen Hund. Über das Führgeschirr leitet der Hund seinen Menschen auf den öffentlichen Wegen. Das Führgeschirr verbindet den Blindenführhund und den Führhundhalter zu einem Gespann.

¹ Das Originalzitat lautet natürlich: „Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!” und stammt aus dem von Johann Wolfgang von Goethe (Faust I; Osterspaziergang)